Tobias Sammelsurium der Woche #19/2024

Aussichtslosigkeit kann unglaublich motivierend sein. Wer schon alles verloren hat, kann nur noch gewinnen. Wie Churchill einst sagte: »If you are going through hell, keep going«. Zu denen, die schon lange durch die Hölle gehen, gehört die Linke. Spätestens seit Sarah Wagenknecht ihr eigenes Ding macht, brennt der  Baum lichterloh. Im Bundestag ist man seit der Spaltung keine Fraktion mehr und die Aussichten für die kommenden Wahlen sind trüber als der Geist der eines verkaterten Mannes nach dem Vatertag. Den Sozialismus in seinem Lauf halten, nach Walter Ulbricht, weder Ochs noch Esel auf, aber aktuell wäre humpeln schon ein großer Fortschritt. Was tun?

Politik ist die Fähigkeit im Kleinen die Dinge zu erkennen, die im Großen gelöst werden müssen. Politik greift da, wo der oder die Einzelne das Gefühl hat, allein nichts ausrichten zu können. Also hat man sich im Karl-Liebknecht-Haus zusammengesetzt und sich gefragt, wo den Deutschen der Schuh drückt. War es zu SED-Zeiten noch der Kampf gegen den westlichen Imperialismus, ist es jetzt – Trommelwirbel – der Dönerpreis.

Nicht-Döner-Essende mögen sich jetzt verwundert die Augen reiben, aber die Preisexplosion von früher fünf auf jetzt bis zu zehn Euro für eine Brottasche mit herrlichem Salat-Fleisch-Saucenmix ist für viele Menschen drastisch. Was plant die Linke dagegen zu tun? Eine Dönerpreisbremse. Alle Bundesbürger sollen pro Monat einen Gutschein für einen Döner bekommen, durch den er dann maximal 4,90 € kosten darf; für Schülerinnen und Schüler sogar nur 2,50 €. Die Kosten lägen bei lächerlichen 4,3 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn man bedenkt, was Gaspreisbremsen und Zeitwenden kosten ist das fast geschenkt.

Ich halte den Vorschlag gar nicht so sehr aus kulinarischen sondern aus gesellschaftlichen Gründen für großartig. Der Vorschlag sieht ja eine Gutschein-Lösung vor. In Deutschland würde das ganz bestimmt nicht digital umgesetzt. Also gäbe es gedruckte Gutscheine. Wenn wir davon ausgehen, dass der Dönerkonsum mit zunehmendem Alter tendenziell abnimmt, müssten vor allem Menschen im Rentenalter viele ungenutzte Gutscheine besitzen. Gleichzeitig steigt mit zunehmenden Alter genauso tendenziell die Einsamkeit. Was also geschehen würde wäre, dass jüngere Menschen landauf, landab bei ihren älteren Nachbarn klingeln würden und im Austausch für ein gutes Gespräch mit einem Gutschein beschenkt würden.

Am Ende würden alle gewinnen. Die Dönerbuden, weil der Umsatz explodieren würde, die Döner-Liebhaber, weil sie weiterhin großen Genuss zum kleinen Preis bekämen und diejenigen, die sich einsam fühlen, weil sie gegen Abgabe ihres Döner-Gutscheins mehr Kontakt hätten. Selbst die Linke würde gewinnen, schliesslich könnte sie sich dann um das nächste Problem kümmern und damit Stimmen gewinnen. Wie wär's mit einer Champagner- oder Urlaubspreisbremse?

Dir ein innovatives Wochenende
T.

Post der Woche

Fünf fürs Wochenende

101 Ratschläge

Der amerikanische Tech-Veteran Kevin Kelly veröffentlichte zu seinem 68. Geburtstag eine Liste mit 68 ungefragten Lebensratschlägen, die im Netz so populär wurden, dass er sie danach als Buch veröffentlichte. Jetzt hat er mit 101 weiteren Ideen nachgelegt. Es würde mich wundern, wenn nicht für alle, die die Liste lesen, mindestens ein kluger Gedanke dabei wäre.
» The very best way to win a friend is to be one

Kontaktanzeigen-Romantik

Ich muss gestehen, dass die Kontaktanzeigen im Zeit-Magazin meine Lieblingsrubrik ist. Nicht, weil ich jemanden darüber kennenlernen möchte, sondern weil diese Texte in sich geschlossene Kurzgeschichten sind. Mehr Selbstoffenbarung, Hoffnung und Zuversicht auf ungefähr fünf Zeilen sind kaum möglich. Doch wer steckt hinter diesen Anzeigen und wie geht's danach eigentlich weiter? Der Guardian hat vier Paare getroffen, deren große Liebe mit einer kleinen Anzeige begonnen hat.
» Zeilenweise Liebe

Live von der internationalen Raumstation

Man muss nicht von der Astronomie begeistert sein, um ab und zu die ISS am Nachthimmel erkennen zu können. Doch so wie wir zu ihr heraufschauen können, schaut sie auch zu uns herunter. Was sie sieht? Das zeigt diese Website mit der exakten Lage der Raumstation über der Erde und einem Livestream, mit dem Blick von ganz oben zu uns runter.
» Mit Abstand betrachtet

Kiribati

Diese Visualisierung portiert uns zu einem der kleinsten und von Europa aus weit entferntesten Staaten: Kiribati. Dieser Inselstaat liegt ober- und unterhalb des Äquators und gleichzeitig westlich und östlich des 180. Längengrades. Deswegen gibt's die Zacken in der internationalen Datumsgrenze.
» Erdkunde-Wissen 3000

BioNumbers

Wusstest du, dass die Masse der Bakterien auf deinem Körper 0,3% deines Körpergewichts entspricht und auf dem menschlichen Kopf 90.000 bis 150.000 Haare wachsen? Dann ist diese Seite der Harvard Universität für dich. Sie trägt biologische Fakten, unter anderem rund um den menschlichen Körper, zusammen. Ein Blick, der länger als ein Wimpernschlag (0,1 bis 0,4 Sekunden) dauert, lohnt sich.
» Biologie-Wissen 3000

Damals geschrieben

#19/2023: Die Ordnung. Das Ver-Rückte
#19/2022: Der Puck. Die Brückentechnologie.

Gedanke der Woche

»Wer sehen will, muss die Augen schließen.«
Paul Gaugin

Bild der Woche‌‌‌‌

Frage der Woche

Stimmt es, dass alles, wirklich alles, ist auch ein bisschen lustig ist?

1 Wochenrückblick in 1 GIF‌‌‌‌‌‌

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