Tobias Sammelsurium der Woche #20/2024

»Ich muss das nicht machen« hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius diese Woche beim Koalitionsfrühstück über sein Amt gesagt. Ein Satz wie ein Schuss mit dem Leopard 2. Treffer, versenkt.

Auch wenn er umgehend nachgeschoben hat, dass er diese Aussage nicht als Rücktrittsdrohung verstanden wissen will, so hat man den Rumms doch deutlich über das Regierungsviertel hinaus gehört.

Während Gerhard Schröder mit einem jovialen »Hol mir mal 'ne Flasche Bier« in die Geschichte eingegangen ist und Angela Merkels zuversichtliches »Wir schaffen das« zum prägenden Satz ihrer Kanzlerschaft wurde, hat Pistorius einen deutlich handfesteren Ansatz gewählt.

Als Verteidigungsminister wird ihm zur Zeit viel Anerkennung zuteil, aber der Druck dürfte dem eines Schnellkochtopfs bei der Pellkartoffelzubereitung entsprechen.

Anerkennung und Druck, das kennen viele Menschen. Die »besten Eltern der Welt« müssen, trotz des durch die Kinder verliehenen Titels, ihre Brut zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett quälen, schulfertig machen und bitte auch selbst halbwegs manierlich aussehend sowie pünktlich aus dem Haus treten. Eine Aufgabe wie eine Bombenentschärfung, der nächste Rumms ist immer nah.

Die Liste der Berufe, die viel Anerkennung, aber auch viel Druck kennen, ist  lang. Man stelle sich die Pflegerin, den Feuerwehrmann, die Herzchirurgin oder den Paketzusteller vor, die einfach mal ausrufen: »Ich muss das nicht machen!« Da würden wir aber alle blass ums Näschen.

Häufig roboten wir so vor uns hin und meinen, wir müssten das alles machen, was wir Tag ein, Tag aus so tun. Vielleicht wäre es schlau, mal völlig überraschend darauf hinzuweisen, dass dem nicht so ist. Und wenn dann alle blass um Näschen sind, machen wir beherzt weiter. Es gibt ja schließlich genug zu tun.

Dir ein unerschrockenes Wochenende
T.

Post der Woche

Fünf fürs Wochenende

Moral, Medien und mächtige Männer

Ob Jan Böhmermann gegen Erdoğan, Günther Jauch gegen die Klatschpresse, oder Till Lindemann von Rammstein gegen die Empörung – Rechtsanwalt Christian Schertz vertritt sie als Medienrechtler alle. Wer prominent ist und Unangenehmes nicht in der Öffentlichkeit sehen will oder seine Privatsphäre schützen möchte, lässt sich von ihm verteidigen. Eine vielschichtige Doku über Recht und Moral, Privates und Pressefreiheit.
» Nicht zu Schertzen aufgelegt

Künstliche Intelligenz – jetzt wird's ernst

Es dürften einige Kinnladen heruntergeklappt und viele Münder offen stehen geblieben sein, als OpenAI diese Woche die neueste Version von ChatGPT-4 mit dem kleinen Zusatz »o« für omni, alles, vorstellte. Ab sofort sind Gespräche mit der KI möglich, die von Gesprächen mit einem Menschen kaum zu unterscheiden sind. Noch mag das wie Spielerei aussehen. In einigen Jahren ist es Alltag. Das ZDF hat eine gute Zusammenfassung inklusive der Vorführungen von OpenAI veröffentlicht.
» Talk to me

Konzentrationsmusik

Der moderne Arbeitsalltag, ob im Homeoffice oder im Großraumbüro, sorgt für viel Ablenkung. Ständig plingt, vibriert und pushed irgendetwas. Wie aber soll man da abschalten? Manche brauchen Ruhe, manche macht Ruhe verrückt. Letzteren sei die Seite musicforprogramming ans Herz gelegt, die mit ihrer atmosphärische Ambient Music nicht nur das konzentrierte Programmieren erleichtert.
» Ein Teppich aus Klang

All inclusive

Seit Corona vorüber ist, scheint halb Deutschland Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff zu machen. Zumindest, wenn ich mir den WhatsApp Status meiner Kontakte so ansehe. Die Schweizer Filmemacherin Corina Schwingruber Ilić hat für ihren unkommentierten Kurzfilm »All inclusive« das besondere Leben an und unter Deck beobachtet. Die ideale Reiseform oder eine Dystopie? You choose.
» Alle an Bord!

Microstrick

Es gibt Grobstrick und Kleinstrick und dann gibt es das, was Althea Crome macht. Vielleicht ist Microstrick das richtige Wort, aber eigentlich beschreibt das den Wahnsinn ihrer Kunst nicht ansatzweise richtig. Althea strickt Pullis, Jacken und Socken, die ungefähr so groß sind, wie ein halber Finger. Nicht nur, dass Sie dafür Chirurgienadeln benutzt, nein sie strickt auch noch Motive wie van Goghs Sternenhimmel oder Andy Warhols Pop Art ein.
» Nix für zittrige Hände

Damals geschrieben

#20/2023: Bürger in Wut. Bürger in Mut.
#20/2022: Das Fototagebuch. Der Sparplan fürs Herz.

Gedanke der Woche

»Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir haben. Gehen wir sparsam damit um!«
Mark Twain

Bild der Woche‌‌‌‌

Frage der Woche

What would you do if I sang out of tune?

1 Wochenrückblick in 1 GIF‌‌‌‌‌‌

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